Aktuell

Ein Referent steht hinter einem Rednerpult, links und rechts von ihm stehen farbige Blumensträusse und im Hintergrund ist ein blau-weisses Banner des Forums für Universität und Gesellschaft erkennbar.
«Wir wissen aber noch nicht, wie die zukünftige Weltordnung aussehen wird und wir wissen auch nicht, ob die unausweichliche Transformation friedlich oder kriegerisch ablaufen wird», sagt Dr. Hans Werder in seiner Einführungsrede. © FUG / Stefan Wermuth

Nach dem Ende der Geschichte - Was kommt?

Erosion der regelbasierten Ordnung (Dr. Daniel Möckli & Prof. Dr. Claudia Franziska Brühwiler)

  • Die nach dem Kalten Krieg dominierende, «regelbasierte» liberale Ordnung war nie global geteilt und ruhte in der Praxis auf US-Hegemonie.
  • Seit Jahren zeigt sich ein Strukturbruch: 9/11 → Irakkrieg → Syrien, Georgien, Krim – die Normen erwiesen sich selektiv/anwendungsschwach.
  • Der aktuelle Rückzug der USA aus der Rolle der Weltpolizei legt Europas Abhängigkeit offen; das Ergebnis ist eine Phase von Vakuum, Unsicherheit und Machtpolitik («der Dschungel kehrt zurück»).

US-«Postliberalismus» als Treiber des Wandels (Dr. Daniel Möckli & Prof. Dr. Claudia Franziska Brühwiler)

  • In Teilen der US-Politik/Intellektuellen entsteht ein Konsens gegen politischen, wirtschaftlichen und internationalen Liberalismus.
  • Leitbild: Staat für Arbeiter statt «Laptop-Klasse», Re-Industrialisierung, Protektionismus/Zölle, strategische Souveränität – aussenpolitisch selektives Engagement («decline is a choice»).
  • Das verschiebt Gewichte global und zwingt Verbündete zu mehr Eigenständigkeit.

Vom Globalisieren zur Geoökonomie (Dr. Daniel Möckli)

  • Hohe Interdependenzen werden als Hebel eingesetzt (Sanktionen, Export-/Investitionskontrollen, Technologie- und Rohstoff-«Chokepoints»).
  • Handel wird politisiert, Sicherheit und Wirtschaft verschränken sich («Economic Security»).

Grosse Märkte/Grossmächte profitieren—kleinere Staaten werden verwundbarer.

Ein Mann mit dunklem Anzug und Brille steht an einem Rednerpult und spricht zu einem Publikum. Er hebt eine Hand und gestikuliert beim Erklaeren. Im Vordergrund ist das Publikum unscharf zu sehen. Auf dem Tisch stehen Wasserkaraffen und Glaeser.
«Die Globalisierung ist nicht vorbei – aber die Instrumente der Globalisierung werden heute machtpolitisch eingesetzt»: Dr. Daniel Möckli spricht über den Zerfall der liberalen Ordnung. © FUG / Stefan Wermuth
Auf dem Bild ist eine Frau in einem Vortragsraum zu sehen. Sie spricht vor Publikum und hält ein kabelloses Mikrofon sowie einen Präsentationsklicker in den Händen. Die Frau trägt eine Brille und ein bunt gemustertes Kleid, ihre langen Haare sind über die Schulter gelegt. Im Hintergrund sitzen mehrere Zuhörende und auf einem Tisch stehen große Blumensträuße in Vasen.
«Die Postliberalen wollen ein Amerika, das für Arbeiter funktioniert – nicht für die Laptop-Klasse»: Prof. Dr. Franziska Brühwiler skizziert die Entwicklungen in den USA. © FUG/Stefan Wermuth

Chinas Aufstieg: aussen stark, innen unter Druck (Prof. em. Dr. Beat Hotz-Hart)

  • Erfolgsbilanz: Armutssenkung, grösste Industrie-/Exportbasis, technologische Spitzen in mehreren Feldern.
  • Xi setzt auf Kontrolle, technologische Autarkie und industriepolitisch getriebene Angebotsstrategie («Chinese-style modernization»).
  • Folge sind Überkapazitäten (Solar, Batterien, E-Autos), Deflationsdruck und Exportüberschwemmungen → globaler Preisdruck und Gegenmassnahmen (Zölle, Kontrollen) → stärkere Fragmentierung.
  • Strukturelle Schwächen: Immobilienkrise, schwache soziale Sicherung, demografischer Absturz; Wachstum mittelfristig niedriger, System bleibt autoritär stabil.
Ein älterer Mann mit grauen Haaren und Brille steht an einem Rednerpult und spricht vor Publikum. Er trägt einen dunklen Anzug und ein weisses Hemd. Rechts neben ihm steht ein grosser Blumenstrauss mit orangen Rosen, violetten und gelben Blüten in einer Glasvase.
«Chinas Ziel ist eine sinozentrierte Weltordnung», betont Prof. em. Dr. Beat Hotz-Hart in seinem Referat über den Aufstieg Chinas. © FUG / Stefan Wermuth

Globaler Süden als eigenständiger Akteur (Prof. Dr. Heribert Dieter)

  • Viele Gesellschaften sehen Globalisierung als Chance (Asien), folgen westlichen Deutungen/Sanktionen oft nicht; Suche nach Alternativen (UPI, PIX, BRICS/SCO).
  • BRICS/SCO signalisieren Abwendungstendenzen, bieten aber (noch) keinen kohärenten Ordnungsentwurf.
  • Der Dollar bleibt mangels vertrauenswürdiger Alternativen dominant, wird aber durch US-Schuldenpolitik und neue Zahlungssysteme partiell umgangen.

Indien als aufstrebender Pol (Prof. Dr. Heribert Dieter)

  • Rasches Wachstum, günstige Demografie und hoher Optimismus; aktive Handelsagenda und wachsendes Selbstverständnis als Norm- und Ordnungsmacht.
  • Taktische Autonomie (Multi-Alignment) erhöht Handlungsspielräume zwischen West und China.
«BRICS ist vereint im Ärger über den Westen – aber ohne Gegenentwurf»: Prof. Dr. Dieter Heribert spricht über wirtschaftliche Interessen und geopolitische Positionierung des globalen Südens. © FUG / Stefan Wermuth

Konsequenzen für Europa/Schweiz (quer über alle Referate)

  • Europa verliert Absicherung durch US-Hegemonie, bleibt aber wichtige «Bastion» regelbasierter Politik – braucht jedoch mehr strategische Eigenfähigkeit.
  • Notwendig sind: Geoökonomie-Kompetenz (Technologie/Rohstoffe/Chokepoints), Resilienz der Lieferketten, industrie- und sicherheitspolitische Koordination sowie glaubwürdige Angebote an den globalen Süden (Partnerschaften statt Belehrung).

Kurzfazit:

Wir befinden uns in einem Epochenwechsel hin zu einer multipolaren, geoökonomisch geprägten Welt: weniger westlich, weniger normgestützt, konfliktanfälliger. Die USA richten sich partiell nach innen aus, China projiziert Macht trotz innerer Schwächen, Indien steigt auf, der globale Süden verlangt Mitsprache. Europa (und die Schweiz) müssen von der Verteidigung des Status quo zur aktiven Gestaltung übergehen – strategisch, wirtschaftlich und narrativ.

Schlussdiskussion mit Prof em. Dr. Beat Hotz-Hart, Prof. Dr. Claudia Franziska Brühwiler, Dr. Daniel Möckli und Prof. Dr. Heribert Dieter. Moderation: Marcus Moser © FUG / Stefan Wermuth


 

ZUM AUTOR

Marcus Moser ist Geschäftsleiter des Forums für Universität und Gesellschaft

Zur Veranstaltung

© 2025 Marcus Moser / DALL-E

Sämtliche Unterlagen und Aufzeichnungen zu den Veranstaltungen «Menschliche Erkenntnis in der Ära künstlicher Intelligenz» finden Sie hier.
Die Referatsvideos sind auf dem YouTube-Kanal des Forums verfügbar. Zu den Videos