Forum für Universität und Gesellschaft

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Porträt-Aufnahme von der Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm
Prof. em. Dr. Margrit Stamm: «Heute bin ich davon überzeugt, dass wir die Noten überschätzen.» Bild: © Raffael Waldner

Lebenskompetenz schlägt Intelligenz

Margrit Stamm ist eine der erfahrensten Bildungsforscherinnen der Schweiz. Die emeritierte Professorin der Erziehungswissenschaften setzt sich für frühkindliche Bildung, Chancengleichheit und die Gleichwertigkeit von Berufsbildung und akademischer Bildung ein. Das Forum für Universität und Gesellschaft traf Stamm in ihrem Forschungsinstitut in Aarau.

Von Marcus Moser

Margrit Stamm, wie kommentieren Sie die Annahme des Vaterschaftsurlaubs durch die Stimmbevölkerung?
Das ist ein kleiner Schritt in die absolut richtige Richtung. Neben solchen strukturellen Massnahmen brauchen wir darüber hinaus aber auch eine Veränderung unserer Selbstbilder von Mutter- und Vaterschaft; eine aktive Bereitschaft zur Veränderung der je eigenen Position und Person.

Im 20. Jahrhundert wurde die «Kindheit» als eigenständige Lebensphase entdeckt; im 21. Jahrhundert die «frühe Kindheit». Würden Sie dem zustimmen?
Für die Schweiz trifft das zu, in Deutschland und einigen anderen Ländern war die frühe Kindheit bereits Ende des letzten Jahrtausends ein wichtiges Thema. Die Schweiz «entdeckte» die Bedeutung der frühen Kindheit spät, eigentlich erst im Zusammenhang mit der Pisa-Studie von 2003. Die fiel entgegen den Erwartungen nicht besonders gut aus, insbesondere in Mathematik. Teile der Politik forderten umgehend eine frühere Einschulung. Studien aus den USA und aus nordischen Ländern zeigten dagegen die Bedeutung einer Verbindung von früher Kindheit und Bildung auf.

Was bedeutet «frühe Kindheit» und was passiert dort?
Zunächst ist damit der Zeitraum von 0 bis 5 Jahren gemeint. Psychologen haben schon lange auf die grosse Bedeutung dieser Phase hingewiesen, die bezogen auf die emotionale und kognitive Entwicklung von Kindern gar nicht überschätzt werden kann. Hinzu kamen die Erkenntnisse der Bindungsforschung, die darauf aufmerksam machten, dass eine sichere emotionale Bindung des Kleinkindes, meistens an Mutter und Vater, eine Grundlage für ein gutes Gedeihen ist. Schliesslich waren es die Erkenntnisse der Neurowissenschaften bezogen auf die Hirnentwicklung, welche die frühe Kindheit als wesentliche – wohl die wesentlichste Phase im Leben eines Menschen – erkennen liessen.

Verschiedene Studien zeigen auf, dass ein recht hoher Anteil der Kleinkinder - er geht gegen 50 Prozent - keine sicheren Bindungen entwickeln kann.
Das ist so. Diverse Studien haben aber auch gezeigt, dass sekundäre Betreuungspersonen hier in die Lücke springen können. Darum kommt zum Beispiel qualitativ hochstehenden Kitas in solchen Fällen eine grosse Bedeutung zu. Kinder brauchen verlässliche, stabile Bezugspersonen. Aber das müssen nicht notwendigerweise die eigenen Eltern sein.

Frühkindliche Bildung wird in der Schweiz immer mit Betreuung und Erziehung verbunden – was hier zum etwas kryptischen Kürzel FBBE führt. Warum ist diese Ergänzung wichtig?
Es geht bei FBBE eben gerade nicht um frühes Lesen und Rechnen. Es geht darum, Kinder zu hüten, zu betreuen, zu pflegen, zu erziehen und zu bilden. Betreuung und Erziehung müssen deshalb immer mit dem Bildungsgedanken verbunden werden. Mit diesem im besten Verständnis ganzheitlichen Ansatz werden die emotionale, die körperlich-motorische sowie die kognitive Entwicklung gleichzeitig gefördert. Dies verbessert die Startchancen, insbesondere von Kindern aus benachteiligten Milieus.

Dann geht es bei frühkindlicher Bildung auch um Chancengleichheit?
Genauso ist es. Das ist die Soll-Botschaft: Viele Studien zum Beispiel aus den USA belegen, dass sich Kinder aus benachteiligten Familien in qualitativ hochstehenden Institutionen und bei Betreuung durch ausgebildete Fachleute gut entwickeln und integrieren können. Das ist für die Kinder gut, aber auch für die Gesellschaft insgesamt – die sozialpolitischen Kosten sind niedriger als ohne diese Massnahmen. Mit Blick auf die Schweiz spreche ich hier von einer Achilles-Ferse: Auch im Jahre 2020 fallen zu viele Kinder, die von frühkindlichen Bildungsmassnahmen profitieren könnten, durch die Maschen. Es ist eine politische Frage, ob solche Massnahmen verpflichtend sein sollen – wie in Basel – oder eben freiwillig, wie in anderen Kantonen.

Von frühkindlicher Bildung im besprochenen Sinne möchte ich die Frühförderung im Sinne der Leistungsförderung unterscheiden. Viele Eltern stehen enorm unter Druck, ihren Kleinkindern Sprachkurse, Musikkurse, Sportkurse usw. ermöglichen zu sollen. Sind diese Fördermassnahmen nachhaltig?
Ein Effekt dieser Massnahmen, die sich ja vor allem Mittel- und Oberschichtseltern leisten können, ist der angeeignete «Habitus» dieser Kinder: Sie haben gelernt, wie man mit Erwachsenen spricht, wie man sich bewegt und seine Bedürfnisse ausdrücken kann. Das ist ein gewisser Vorteil in der Persönlichkeitsentwicklung und hilft ihnen auch in der Schule. Fachlich ist die Sachlage komplizierter: Was hilft es, wenn ein Kind alle Vogelarten auf Englisch sagen und eine englische Speisekarte lesen kann, aber zum Beispiel diese Sprache zu Hause nicht auf gleichem Niveau verfestigen kann? Studien zeigen, dass Kinder, die sprachlich nicht in die Zweitsprache eingebettet sind, den Vorsprung durch Frühförderung relativ rasch verlieren. Entscheidend ist aber in jedem Fall die intrinsische Motivation der Kinder!

Sie haben einen spannenden Artikel mit dem Thema «Überfördert und überfordert» publiziert und vom neuen Phänomen der «Überleister» berichtet. Was ist ein Überleister?
Vielleicht müssen wir mit der Umkehrung beginnen, den sogenannten Minderleistern. Das sind Kinder mit relativ hohem kognitivem Potential, die einfach faul oder demotiviert sind. Solche Kinder kennen wir alle. Finden sie später eine Motivation, geben sie Gas und können dank unserem durchlässigen Bildungssystem ihre Potenziale und schlummernden Talente entwickeln. Überleister dagegen sind Kinder mit einem durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen Potential, die aber unerwartet gute Schulnoten haben und in der Regel auch sehr fleissig und ehrgeizig sind.

Und wo liegt da das Problem?
Unsere Studie hat gezeigt, dass diese Kinder häufig hohe Selbstzweifel haben; sie arbeiten, weil sich Angst haben, nicht zu genügen. Die Eltern sind oftmals sehr erpicht auf gute Noten, investieren in Zusatzunterricht und Förderkurse – und machen nicht selten ihre Liebe zum Kind von guten Noten abhängig. Solche Kinder sind häufig in einem Hamsterrad des Leistenmüssens gefangen. Es geht nun aber nicht darum, den Eltern die Schuld zuzuschieben. Es hat mit unserer Gesellschaftsorientierung zu tun...

Sie meinen den anwachsenden Leistungsdruck, zum Beispiel verursacht durch die Globalisierung?
Ja. Es gibt immer mehr Berichte über Burn-out-Kids. Mit unserer Studie zu den Überleistern wollen wir auf Folgen der vielfach geforderten Akademisierung aufmerksam machen. Mit einem bildungssoziologischen Blickwinkel geht es mir nicht um Einzelfälle, um Schuldzuschreibungen gegenüber Eltern. Es ist eher unsere aktuelle Leistungsgesellschaft, die bestimmte Bildungsabschlüsse fordert. Und dann sitzen die Eltern gewissermassen in der Falle, weil nur Kinder, welche die geforderten Abschlüsse zu erreichen vermögen, eine erspriessliche Zukunft zu haben scheinen. Dieser Teufelskreis ist falsch und in unserem Bildungssystem auch nicht nötig.

Dazu passt, dass der Anteil der Kinder, die bereits beim Schuleintritt therapeutische Massnahmen erlebt haben, erschreckend hoch ist.
Ja. In einer unserer Studien hat sich gezeigt, dass sechs von zehn Kindern beim Schuleintritt bereits eine Therapie hinter sich haben. In einer anderen, vor vielen Jahren von meiner Kollegin Kollegin Doris Niederberger durchgeführten Studie waren es noch rund drei von zehn Kindern gewesen. Nun kann es nicht sein, dass sich die menschliche Natur so schnell verändert hat. Es liegt also nicht an den Kindern. Es liegt an unseren Ansprüchen, unserer Vorstellung von «Normalität», die sich verändert haben.

Mit dem Lehrplan 21 sollen neben den fachlichen nun auch überfachlichen Kompetenzen gefördert werden. Das tönt in meinen Ohren irgendwie nach Ausgleichsmassnahme, vielleicht nach Korrektur?
Lassen Sie mich mit einem Umweg antworten. Wir haben eine Studie zu den Teilnehmenden an den SwissSkills, den Berufsmeisterschaften, gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass die Medaillengewinner*innen durchschnittlich nicht sonderlich gute Schülerinnen und Schüler in der obligatorischen Schule waren, dass sie aber über prägnante überfachliche Kompetenzen verfügten...

Welche?
...Stressresistenz, Gewissenhaftigkeit, Frustrationstoleranz, Hartnäckigkeit und weitere. Auf unsere Fragen haben sie bestätigt, dass es genau diese Eigenschaften waren, die sie im Wettbewerb gebraucht haben. Heute bin ich davon überzeugt, dass wir die Noten überschätzen. Gute Noten schützen nicht vor Niederlagen. Was tun sie in diesem Fall? Können sie sich aufrappeln? Haben sie die nötige Eigenmotivation? Haben sie den nötigen Biss, die Hartnäckigkeit, trotzdem weiterzugehen? In solchen Eigenschaften zeigen sich überfachliche Kompetenzen. Viele der erwähnten Überleister gehen in solchen Situationen dann eben unter. Lebenskompetenz schlägt Intelligenz!

Das duale Bildungssystem der Schweiz ist viel gepriesen. Es müsste ja gar nicht so viel Druck im Erziehungs- und Bildungssystem sein, zumal weiterführende Qualifikationen auch zu späteren Zeitpunkten erreicht werden können...
Das stimmt! Aber es kommt eben auch darauf an, wo in der Schweiz sie als junger Mensch wohnen und was für Eltern sie haben. Im Kanton Zürich ist der Druck aufs Gymnasium durch die obligatorische Prüfung hoch und das Gymi gilt als Statussymbol. Für viele Akademikereltern ist es selbstverständlich, dass die Kinder das Gymnasium besuchen und die Matura machen sollen. Die Möglichkeiten des dualen Bildungssystems werden in diesen Milieus häufig ausgeblendet – was auch dazu führt, dass bis zu Vierfünftel der Gymnasiast*innen aus Akademikerhaushalten stammen, Eignung hin oder her. In der Berufsbildung ist es genau umgekehrt. Wenn Neigungen und Fähigkeiten den Ausschlag geben würden, hätten wir in den Gymnasien mehr Kinder aus handwerklichen Milieus und in der Berufsbildung mehr Kinder aus Akademikermilieus.

Meiner Ansicht nach hat sich das Image der Berufsbildung aber sehr verbessert. Finden Sie das nicht auch?
Doch! Heute haben fast 95 Prozent der Jugendlichen einen Abschluss auf Sek II-Niveau – das zeigt auch die grosse Integrationsleistung der Berufsbildung, die sich unglaublich entwickelt hat. Dennoch findet sie in meinen Augen bei den bildungsaffinen Schichten noch zu wenig Anerkennung. Eltern überlegen sich heute bereits bei der Einschulung, was ihr Kind dereinst werden solle. Kitas, Kindergärten, Schulen werden spezifisch ausgewählt, damit das Kind gut gefördert wird und nach Möglichkeit einen akademischen Weg einschlagen kann. Die Berufsfindungsphase kommt recht viel später – da sind die Entscheidungen für die Kinder häufig bereits getroffen...

Damit sind wir nun doch wieder bei den Schwierigkeiten gelandet. Und dann kam noch Corona. Bezogen auf Kinder und Familien habe ich den Eindruck, dass vor allem Mütter im Lockdown der ersten Welle zusätzlich belastet wurden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Erste Studien lassen in der Tat darauf schliessen. Ohne die Daten anzweifeln zu wollen, habe ich gleichwohl den Eindruck, dass auch die Väter mehr geleistet haben. Vielleicht weniger im Bereich der sichtbaren Arbeit wie Kochen und Waschen, aber doch bei Hausaufgaben, in der Kommunikation mit der Schule usw. Beim Schreiben meines letzten Buches über den Mamamythos habe ich mich gefragt, warum Mütter immer wieder die Hauptverantwortung übernehmen, auch ungefragt...

Und warum tun sie es?
...es ist eben unser gesellschaftliches Mutterbild, dass Frau eingeimpft wird und in jeder einzelnen Mutter weiterwirkt. Ich denke wirklich, dass Frauen lernen müssen, lernen dürfen und ihnen bestätigt werden sollte, dass sie Verantwortung abgeben dürfen – auch in der Familie. Es reicht, eine hinreichend gute Mutter zu sein. Und auch ein hinreichend guter Vater.

Margrit Stamm, was würden Sie sich aus Ihrer Perspektive als Erziehungswissenschaftlerin mit Blick auf Eltern und Kinder am meisten wünschen?
Mit einem Schlagwort: Das authentische Kind. Ich würde mir wünschen, Eltern könnten zulassen, dass ihr Kind Eigenheiten hat. Dass es authentisch aufwachsen darf, ohne entweder pathologisiert oder zum Hochleister erzogen zu werden. Man bastelt zu viel an den Kindern herum; sie werden zu stark in Rollen und Muster gezwängt. Auf die Eltern bezogen würde ich mir wünschen, dass sie weniger perfekt sein müssen und mehr Vertrauen in sich selbst und ihren Nachwuchs haben könnten. Und – wenn ich das noch hinzufügen darf: Ich würde mir wünschen, dass die Fachinstitutionen für Eltern und Kinder diese Gelassenheit unterstützten könnten.

Biografische Notiz

Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. Die 70-Jährige führt das von ihr gegründete Forschungsinstitut Swiss Education in Aarau. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Begabung, der Frühförderung, der Qualität in der Berufsbildung und der Förderung von Migrantenkindern.