Aktuell
Europa und die Schweiz nach der Zeitenwende
Die vier Referate zeichnen ein gemeinsames Bild: Die politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage Europas hat sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend verändert. Diese Veränderungen betreffen die Schweiz unmittelbar – wirtschaftlich, diplomatisch und sicherheitspolitisch. Jede Referentin und jeder Referent beleuchtet einen Teil desselben Gesamtproblems: Die traditionelle aussen- und sicherheitspolitische Position der Schweiz wird in einem zunehmend instabilen Umfeld fragiler, und Anpassungen werden unausweichlich.
Die strategische Grosswetterlage: Russland, USA, geopolitische Rivalitäten (Dr. habil. Carmen Scheide)
Europa befindet sich in einer neuen Phase systemischer Bedrohung. Russland verfolgt eine machtpolitische Strategie, die über die Ukraine hinausweist und die europäische Sicherheitsordnung insgesamt infrage stellt. Gleichzeitig verliert die USA an Berechenbarkeit sowie an Bereitschaft, die Sicherheit Europas langfristig zu garantieren. Die globalen Machtverschiebungen – insbesondere der Aufstieg Chinas und der Rückzug aus regelbasierten internationalen Strukturen – verstärken die Unsicherheit.
Für kleine Staaten wie die Schweiz bedeutet dies: Ein Rückzug auf traditionelle Annahmen, wonach Distanz, Geografie und Neutralität ausreichend Schutz bieten, ist nicht mehr realistisch. Die Bedrohung hat neue Formen angenommen – durch hybride Kriegsführung, Desinformation, Cyberangriffe und wirtschaftliche Erpressung.
Europa als Schlüsselfaktor: Bedeutung für die Schweiz (Dr. Hans Werder)
Die Schweiz ist wirtschaftlich, politisch und sicherheitstechnisch stark in Europa eingebettet. Die EU bleibt mit grossem Abstand der wichtigste Handelspartner und der wichtigste politische Bezugspunkt. Gleichzeitig wird Europa durch die geopolitischen Entwicklungen von aussen unter Druck gesetzt und muss seine Verteidigungsfähigkeit stärken.
Für die Schweiz stellt sich die grundlegende Frage, ob sie ihre bestehende aussenpolitische Sonderrolle – geprägt durch Neutralität und bilaterale Sonderbeziehungen – weiterhin isoliert pflegen kann oder ob vertiefte Kooperationen mit europäischen Partnern nötig werden. Werder betont, dass die Stabilität Europas entscheidend für die Stabilität der Schweiz ist. Ein destabilisiertes Europa kann der Schweiz keinen Sicherheits- oder wirtschaftlichen Raum mehr garantieren. Daher wird die Rolle der Schweiz zunehmend in einer Mitverantwortung für europäische Stabilität gesehen – sei es wirtschaftlich, energiepolitisch oder in sicherheitspolitischer Zusammenarbeit.
Die wirtschaftliche Dimension: USA – China – EU als Machtblöcke (Prof. Dr. Manfred Elsig)
Neben der sicherheitspolitischen Bedrohungslage verändert sich auch das internationale Handelssystem. Der wirtschaftliche Protektionismus der USA, die strategische Industriepolitik Chinas und die Schwächung der multilateralen Handelsordnung erzeugen starke Spannungen. Die Schweiz steht als Exportnation im Zentrum dieser Rivalitäten.
Die USA und China sind inzwischen die beiden dynamischsten Wachstumsmärkte der Schweiz, aber beide politisch schwierig:
- Die USA setzen zunehmend auf Zölle, Industrieprotektionismus und Druck auf Handelspartner.
- China baut seine wirtschaftliche Macht, seine Rohstoffdominanz und seine politische Einflussnahme weltweit aus.
Für die Schweiz entsteht ein Risiko der wirtschaftlichen Erpressbarkeit. Handelskonflikte können direkte Auswirkungen auf Schweizer Exporte haben – wie jüngste Zollandrohungen der USA gezeigt haben. Gleichzeitig muss die Schweiz ihre Position gegenüber China neu austarieren, sowohl wirtschaftlich als auch wertebasiert. Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen, Technologietransfer und sensiblen Lieferketten erhöhen das Risiko zusätzlich.
Damit wird klar: Die Schweiz kann sich nicht länger darauf verlassen, dass wirtschaftliche Beziehungen von geopolitischen Konflikten getrennt bleiben. Die Aussenwirtschaftspolitik muss robuster, diversifizierter und strategischer werden.
Die sicherheitspolitische Schlussfolgerung für die Schweiz (Dr. Katja Gentinetta)
Die sicherheitspolitischen Konsequenzen aus all diesen Entwicklungen sind tiefgreifend. Gentinetta zeigt auf, dass die Bedrohungslage in Europa so ernst ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Hybride Angriffe finden bereits statt und betreffen auch die Schweiz direkt. Die Neutralität schützt nicht vor Cyberangriffen, Desinformation oder wirtschaftlichem Druck.
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Schweiz im Ernstfall nicht in der Lage wäre, sich alleine zu verteidigen oder Angriffe abzuschrecken. Damit wird klar, dass eine sicherheitspolitische Kooperation mit Europa und der NATO notwendig wird – nicht zwingend als Beitritt, aber als strukturierte Zusammenarbeit und Vorbereitung auf Krisenszenarien. Neutralität muss so interpretiert werden, dass sie die Sicherheit der Schweiz stärkt, nicht schwächt.
Zentrale Elemente sind:
- Stärkung der Armee und modernen Verteidigungsfähigkeiten,
- Ausbau des Bevölkerungsschutzes und der Cyberabwehr,
- enge Koordination mit EU und NATO bei der Krisenvorbereitung,
- Schutz kritischer Infrastrukturen,
- gemeinsame Übungen und Frühwarnsysteme.
Die Grundfrage lautet: Wie kann die Schweiz souverän bleiben, wenn sie nicht mehr über ausreichende eigene Abschreckungsfähigkeit verfügt? Die Antwort führt zu einer Mischung aus Eigenanstrengung und verstärkter internationaler Kooperation.
Gesamtfazit
Alle vier Referate – aus unterschiedlichen Fachgebieten – kommen zu einer gemeinsamen Analyse:
Die geopolitische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage Europas verschlechtert sich fundamental. Die bisherigen Modelle der Schweizer Aussenpolitik – Neutralität, ökonomische Offenheit, internationale Vermittlerrolle, Distanz zu militärischen Bündnissen – geraten an ihre Grenzen. Die Schweiz muss sich strategisch neu aufstellen.
Dazu gehören eine erkennbare europäische Verankerung, eine robustere Sicherheitsarchitektur, eine diversifizierte Wirtschaftsstrategie und ein modernes Verständnis von Neutralität, das nicht auf Isolation, sondern auf Resilienz und Kooperation baut.
ZUM AUTOR
Marcus Moser ist Geschäftsleiter des Forums für Universität und Gesellschaft
Zur Veranstaltung
Sämtliche Unterlagen und Aufzeichnungen zu den Veranstaltungen «Menschliche Erkenntnis in der Ära künstlicher Intelligenz» finden Sie hier.
Die Referatsvideos sind auf dem YouTube-Kanal des Forums verfügbar. Zu den Videos
