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Der Moderator Marcus Moser begrüsst das Publikum und hält eine kurze Rückschau auf die Erkenntnisse der ersten Veranstaltung. © FUG / Stefan Wermuth

Europa und die Schweiz nach der Zeitenwende

Die vier Referate zeichnen ein gemeinsames Bild: Die politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage Europas hat sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend verändert. Diese Veränderungen betreffen die Schweiz unmittelbar – wirtschaftlich, diplomatisch und sicherheitspolitisch. Jede Referentin und jeder Referent beleuchtet einen Teil desselben Gesamtproblems: Die traditionelle aussen- und sicherheitspolitische Position der Schweiz wird in einem zunehmend instabilen Umfeld fragiler, und Anpassungen werden unausweichlich.

Die strategische Grosswetterlage: Russland, USA, geopolitische Rivalitäten (Dr. habil. Carmen Scheide)

Europa befindet sich in einer neuen Phase systemischer Bedrohung. Russland verfolgt eine machtpolitische Strategie, die über die Ukraine hinausweist und die europäische Sicherheitsordnung insgesamt infrage stellt. Gleichzeitig verliert die USA an Berechenbarkeit sowie an Bereitschaft, die Sicherheit Europas langfristig zu garantieren. Die globalen Machtverschiebungen – insbesondere der Aufstieg Chinas und der Rückzug aus regelbasierten internationalen Strukturen – verstärken die Unsicherheit.
Für kleine Staaten wie die Schweiz bedeutet dies: Ein Rückzug auf traditionelle Annahmen, wonach Distanz, Geografie und Neutralität ausreichend Schutz bieten, ist nicht mehr realistisch. Die Bedrohung hat neue Formen angenommen – durch hybride Kriegsführung, Desinformation, Cyberangriffe und wirtschaftliche Erpressung.

Eine Frau mit grauen Haaren und Brille spricht an einem Rednerpult vor einem Publikum. Neben ihr steht ein großer Blumenstrauß mit orangefarbenen und rosa Blüten. Die Szene zeigt einen Vortrag in einem hellen Raum, im Vordergrund sind unscharf die Zuhörenden zu sehen.
«Alle Hoffnungen auf eine demokratische Entwicklung Russlands sind heute verschwunden», sagt Dr. habil. Carmen Scheide in ihrem Referat. © FUG / Stefan Wermuth

Europa als Schlüsselfaktor: Bedeutung für die Schweiz (Dr. Hans Werder)

Die Schweiz ist wirtschaftlich, politisch und sicherheitstechnisch stark in Europa eingebettet. Die EU bleibt mit grossem Abstand der wichtigste Handelspartner und der wichtigste politische Bezugspunkt. Gleichzeitig wird Europa durch die geopolitischen Entwicklungen von aussen unter Druck gesetzt und muss seine Verteidigungsfähigkeit stärken.
Für die Schweiz stellt sich die grundlegende Frage, ob sie ihre bestehende aussenpolitische Sonderrolle – geprägt durch Neutralität und bilaterale Sonderbeziehungen – weiterhin isoliert pflegen kann oder ob vertiefte Kooperationen mit europäischen Partnern nötig werden. Werder betont, dass die Stabilität Europas entscheidend für die Stabilität der Schweiz ist. Ein destabilisiertes Europa kann der Schweiz keinen Sicherheits- oder wirtschaftlichen Raum mehr garantieren. Daher wird die Rolle der Schweiz zunehmend in einer Mitverantwortung für europäische Stabilität gesehen – sei es wirtschaftlich, energiepolitisch oder in sicherheitspolitischer Zusammenarbeit.

 

Ein älterer Mann mit grauen Haaren und Brille steht an einem Rednerpult und spricht. Er trägt einen grauen Anzug und schaut aufmerksam in den Raum. Neben ihm steht ein großer Blumenstrauß mit orangefarbenen, rosa und roten Blüten in einer Glasvase. Der Hintergrund ist hell und unscharf.
«Heute besteht breite Einigkeit darüber, dass sich Europa nicht mehr auf die USA verlassen kann», betont Dr. Hans Werder in seinem Referat zur Frage der strategischen Autonomie Europas. © FUG / Stefan Wermuth

Die wirtschaftliche Dimension: USA – China – EU als Machtblöcke (Prof. Dr. Manfred Elsig)

Neben der sicherheitspolitischen Bedrohungslage verändert sich auch das internationale Handelssystem. Der wirtschaftliche Protektionismus der USA, die strategische Industriepolitik Chinas und die Schwächung der multilateralen Handelsordnung erzeugen starke Spannungen. Die Schweiz steht als Exportnation im Zentrum dieser Rivalitäten.
Die USA und China sind inzwischen die beiden dynamischsten Wachstumsmärkte der Schweiz, aber beide politisch schwierig:

  • Die USA setzen zunehmend auf Zölle, Industrieprotektionismus und Druck auf Handelspartner.
  • China baut seine wirtschaftliche Macht, seine Rohstoffdominanz und seine politische Einflussnahme weltweit aus.

Für die Schweiz entsteht ein Risiko der wirtschaftlichen Erpressbarkeit. Handelskonflikte können direkte Auswirkungen auf Schweizer Exporte haben – wie jüngste Zollandrohungen der USA gezeigt haben. Gleichzeitig muss die Schweiz ihre Position gegenüber China neu austarieren, sowohl wirtschaftlich als auch wertebasiert. Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen, Technologietransfer und sensiblen Lieferketten erhöhen das Risiko zusätzlich.
Damit wird klar: Die Schweiz kann sich nicht länger darauf verlassen, dass wirtschaftliche Beziehungen von geopolitischen Konflikten getrennt bleiben. Die Aussenwirtschaftspolitik muss robuster, diversifizierter und strategischer werden.

Ein Mann mit Brille und grauem Haar steht bei einem Vortrag und gestikuliert mit den Händen. Er trägt ein beige­farbenes Sakko und ein Headset-Mikrofon. Rechts im Bild ist unscharf ein bunter Blumenstrauß zu sehen, der den Vordergrund dominiert. Der Hintergrund ist hell und schlicht.
«Die Schweiz ist zunehmend erpressbar in der Handelspolitik», zeigt Prof. Dr. Manfred Elsig in seinem Referat auf. © FUG / Stefan Wermuth

Die sicherheitspolitische Schlussfolgerung für die Schweiz (Dr. Katja Gentinetta)

Die sicherheitspolitischen Konsequenzen aus all diesen Entwicklungen sind tiefgreifend. Gentinetta zeigt auf, dass die Bedrohungslage in Europa so ernst ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Hybride Angriffe finden bereits statt und betreffen auch die Schweiz direkt. Die Neutralität schützt nicht vor Cyberangriffen, Desinformation oder wirtschaftlichem Druck.
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Schweiz im Ernstfall nicht in der Lage wäre, sich alleine zu verteidigen oder Angriffe abzuschrecken. Damit wird klar, dass eine sicherheitspolitische Kooperation mit Europa und der NATO notwendig wird – nicht zwingend als Beitritt, aber als strukturierte Zusammenarbeit und Vorbereitung auf Krisenszenarien. Neutralität muss so interpretiert werden, dass sie die Sicherheit der Schweiz stärkt, nicht schwächt.

Zentrale Elemente sind:

  • Stärkung der Armee und modernen Verteidigungsfähigkeiten,
  • Ausbau des Bevölkerungsschutzes und der Cyberabwehr,
  • enge Koordination mit EU und NATO bei der Krisenvorbereitung,
  • Schutz kritischer Infrastrukturen,
  • gemeinsame Übungen und Frühwarnsysteme.

Die Grundfrage lautet: Wie kann die Schweiz souverän bleiben, wenn sie nicht mehr über ausreichende eigene Abschreckungsfähigkeit verfügt? Die Antwort führt zu einer Mischung aus Eigenanstrengung und verstärkter internationaler Kooperation.

Eine Frau mit Brille und zusammengebundenen Haaren steht an einem Rednerpult und hält ein Dokument mit grünen Textfeldern hoch. Sie trägt einen dunklen Blazer und spricht vor einem hellen Hintergrund. Links im Bild steht ein bunter Blumenstrauß in einer Glasvase, im Hintergrund ist ein Banner des Forums für Universität und Gesellschaft sichtbar.
«Wir müssen uns fragen, ob die Schweiz alleine abschreckungsfähig ist – und die Antwort lautet: nein.» Dr. Katja Gentinetta fragt in ihrem Referat, wie die Sicherheit nach dem Überfall auf die Ukraine gewährleistet werden kann. © FUG / Stefan Wermuth

Gesamtfazit

Alle vier Referate – aus unterschiedlichen Fachgebieten – kommen zu einer gemeinsamen Analyse:
Die geopolitische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage Europas verschlechtert sich fundamental. Die bisherigen Modelle der Schweizer Aussenpolitik – Neutralität, ökonomische Offenheit, internationale Vermittlerrolle, Distanz zu militärischen Bündnissen – geraten an ihre Grenzen. Die Schweiz muss sich strategisch neu aufstellen.
Dazu gehören eine erkennbare europäische Verankerung, eine robustere Sicherheitsarchitektur, eine diversifizierte Wirtschaftsstrategie und ein modernes Verständnis von Neutralität, das nicht auf Isolation, sondern auf Resilienz und Kooperation baut.

 

ZUM AUTOR

Marcus Moser ist Geschäftsleiter des Forums für Universität und Gesellschaft

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